Die Massage, die mehr wurde
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Es fing mit einem Ziehen zwischen den Schulterblättern an. Zwölf Stunden am Tag vor zwei Monitoren, ein Wettbewerbsentwurf für ein Museum in Leipzig, zu viel Kaffee und zu wenig Schlaf. Ich bin Daniel, 36 Jahre alt, Architekt, und ich hatte meinen Körper so lange ignoriert, bis er sich weigerte, weiter mitzuspielen. An einem Dienstagmorgen konnte ich den Kopf nicht mehr nach links drehen.
Meine Kollegin Sabine schob mir einen Zettel über den Schreibtisch. „Luca. Mobiler Masseur, ausgebildeter Physiotherapeut. Kommt zu dir nach Hause. Er hat meinen Bandscheibenvorfall gerettet. Ruf ihn an, bevor du ganz zur Statue wirst.“
Ich rief an. Eine warme, etwas raue Stimme, ein leichter italienischer Einschlag in den Vokalen. Donnerstag, neunzehn Uhr, neunzig Minuten.
Als es klingelte, stand ein Mann vor meiner Tür, der so gar nicht in mein Bild von einem Masseur passte. Anfang dreißig, wie ich später erfuhr einunddreißig, schlank und drahtig, dunkle Locken, die er im Nacken zusammengebunden hatte, ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen und Augen, so dunkel, dass man die Pupillen kaum erkannte. Er trug eine zusammengeklappte Massageliege unter dem Arm und eine Sporttasche über der Schulter.
„Du musst Daniel sein. Der mit dem Hals.“
„Der mit dem Hals“, bestätigte ich und versuchte zu nicken, was ich sofort bereute.
Er lachte, ein kurzes, helles Lachen, und baute die Liege in meinem Wohnzimmer auf, als hätte er nie etwas anderes getan. Er legte ein frisches Laken darüber, stellte zwei Fläschchen Öl auf den Couchtisch und dimmte, nachdem er gefragt hatte, das Licht.
„Oberkörper frei, Hose kannst du anlassen oder ausziehen, wie es dir angenehmer ist. Ich decke alles mit einem Handtuch ab, was ich nicht behandle.“
Die erste Sitzung war rein professionell. Er fand den Knoten unter meinem Schulterblatt mit einer Präzision, die fast unheimlich war, und arbeitete sich mit Daumen und Ellenbogen hinein, bis ich die Zähne zusammenbiss. Er erklärte mir, welcher Muskel was tat, gab mir drei Übungen für den Schreibtisch und ermahnte mich, mehr Wasser zu trinken. Als er ging, konnte ich den Kopf wieder drehen. Und ich ertappte mich dabei, wie ich am Fenster stand und ihm nachsah, als er die Liege in einen kleinen grünen Kombi lud.
Ich hatte seit meiner Trennung vor zwei Jahren niemanden mehr wirklich an mich herangelassen. Ein paar Dates, ein paar höfliche Abende, nichts, was geblieben war. Und jetzt dachte ich an die Hände eines Mannes, der mich für Geld massierte. Ich schalt mich einen Idioten und buchte den nächsten Termin.
Die zweite Sitzung war anders. Nicht, weil er etwas anders gemacht hätte. Sondern weil ich anders war. Ich lag auf dem Bauch, das Gesicht in der Öffnung der Liege, und spürte jede Bewegung seiner Hände mit einer Intensität, die mich erschreckte. Das warme Öl, das er zwischen seinen Handflächen verrieb, bevor er es auf meinem Rücken verteilte. Der Druck seiner Daumen entlang der Wirbelsäule. Die Art, wie seine Finger am Ende jedes Strichs kurz an meiner Taille verweilten. Ich atmete tiefer. Ich hoffte, dass er es nicht bemerkte.
Als er mich bat, mich auf den Rücken zu drehen, tat ich es mit einem Handtuch, das ich ein wenig zu ungeschickt festhielt. Er sagte nichts. Er massierte meinen Nacken, meine Schläfen, meine Kopfhaut, und ich hielt die Augen geschlossen, weil ich Angst hatte, was er darin lesen würde.
Beim Abschied, an der Tür, sagte er: „Du bist heute viel lockerer. Im Rücken, meine ich.“
Dabei sah er mich einen Moment zu lange an.
Die dritte Sitzung war an einem Freitag im Oktober. Es regnete, und der Wind drückte die Tropfen in schrägen Linien gegen meine Fensterscheiben. Ich hatte Kerzen angezündet, ohne genau zu wissen, warum, und mir eingeredet, es sei wegen der Gemütlichkeit. Luca kam fünf Minuten zu spät, mit nassen Locken und einer Entschuldigung auf den Lippen, und als er die Kerzen sah, hielt er kurz inne.
„Schön hast du es heute“, sagte er nur.
Er arbeitete schweigend. Länger als sonst an meinen Schultern, langsamer als sonst an meinem unteren Rücken. Ich spürte, wie meine Haut unter seinen Händen warm wurde, wie sich etwas in meinem Bauch zusammenzog. Ich war hart, und ich lag auf dem Bauch und betete, dass er mich nicht bitten würde, mich umzudrehen.
Nach achtzig Minuten hielt er inne. Seine Hände lagen flach auf meinem Rücken, ganz still. Ich spürte ihr Gewicht, ihre Wärme.
„Daniel“, sagte er leise. „Ich muss dir etwas sagen. Und ich will, dass du weißt, dass du nichts damit anfangen musst.“
Ich hob den Kopf aus der Öffnung der Liege und drehte mich auf die Seite, das Handtuch irgendwie festhaltend. Er stand neben mir, die öligen Hände halb erhoben, als wüsste er nicht, wohin damit.
„Ich mache diesen Job seit acht Jahren“, sagte er. „Ich habe eine einzige Regel: Arbeit ist Arbeit. Ich vermische das nie. Ich flirte nicht mit Kunden, ich treffe mich nicht mit Kunden, Punkt.“ Er atmete durch. „Und seit zwei Wochen denke ich an nichts anderes als an dich. Deshalb glaube ich, ich kann dich nicht mehr als Kunden behandeln. Das ist unfair dir gegenüber. Ich gebe dir gern die Nummer eines Kollegen, der sehr gut ist.“
Ich setzte mich auf. Mein Herz klopfte so laut, dass ich glaubte, er müsse es hören.
„Und wenn ich keinen anderen Masseur will?“, fragte ich.
Er sah mich an. In seinen dunklen Augen lag etwas Verletzliches, das ich bei ihm noch nie gesehen hatte. „Dann sage ich dir, dass die Sitzung jetzt zu Ende ist. Dass du mir für heute nichts zahlst. Und dass ich, wenn du willst, nicht als dein Masseur hierbleibe. Sondern als Luca.“
„Ich will“, sagte ich, und meine Stimme zitterte. „Ich will das seit dem ersten Abend, als du mit dieser Liege vor meiner Tür standest.“
Er lächelte, langsam, und es war das schönste Lächeln, das ich seit Jahren gesehen hatte. Er wischte sich die Hände an einem Handtuch ab, sehr gründlich, als wolle er die Arbeit von seinen Fingern streichen. Dann trat er näher und legte seine Hand an meine Wange.
„Sag mir, wenn ich aufhören soll.“
„Hör nicht auf.“
Er küsste mich. Seine Lippen waren weich, und sein Bart kratzte ein wenig an meinem Kinn. Ich griff in seine Locken, löste das Haarband, und sie fielen ihm in die Stirn. Wir küssten uns lange, vorsichtig zuerst, dann tiefer, und ich spürte, wie sich zwei Wochen voller unausgesprochener Gedanken in diesem Kuss auflösten.
„Komm runter von dieser Liege“, flüsterte er gegen meine Lippen. „Das Ding ist nicht für zwei gebaut.“
Ich lachte und stand auf. Das Handtuch fiel, und ich stand nackt vor ihm, im Kerzenlicht, und meine Erregung war nicht mehr zu verbergen. Er ließ den Blick an mir hinabgleiten, ganz langsam, und ich fühlte mich nicht bloßgestellt, sondern gesehen.
„Du bist wunderschön“, sagte er.
„Du hast mich jetzt dreimal halbnackt gesehen.“
„Aber nie so.“
Ich zog ihm das schwarze Shirt über den Kopf. Darunter war er sehnig und glatt, mit einem kleinen Tattoo über dem Herzen, eine Schwalbe im Flug. Ich küsste sie. Ich küsste seinen Hals, seine Brust, und spürte, wie er unter meinen Lippen erschauerte. Dann öffnete ich seine Hose, und er stieg heraus, und wir standen uns nackt gegenüber, beide hart, beide atemlos.
Wir gingen ins Schlafzimmer. Ich nahm die Kerze mit, und ihr Licht flackerte über die Wände. Auf dem Bett zog er mich an sich, und zum ersten Mal spürte ich seinen ganzen Körper an meinem, Haut an Haut, seine Erektion an meiner. Ich stöhnte leise auf. Er rieb sich langsam an mir, und ich hielt mich an seinen Schultern fest.
„Leg dich hin“, sagte er. „Auf den Bauch. Ich bin noch nicht ganz fertig mit dir.“
Ich gehorchte, und er holte das Öl aus dem Wohnzimmer. Diesmal war es keine Massage, die einen Muskel lockern sollte. Er verteilte das Öl mit langen, langsamen Strichen über meinen ganzen Körper, über Schultern und Rücken, über meinen Hintern, die Rückseite meiner Oberschenkel. Seine Hände glitten über Stellen, die er vorher nie berührt hatte, und jedes Mal hielt er kurz inne, als wolle er sich vergewissern. Ich hob das Becken ein wenig an, eine stumme Einladung, und er verstand.
Seine öligen Finger glitten zwischen meine Pobacken, umkreisten mich, ganz sacht. Ich vergrub das Gesicht im Kissen und stöhnte. Es war so lange her. Und es hatte sich noch nie so angefühlt.
„Ist das gut?“, fragte er.
„Ja. Mehr davon.“
Er nahm sich Zeit. Unendlich viel Zeit. Er massierte mich, weitete mich mit einem Finger, dann mit zweien, während seine andere Hand über meinen Rücken strich, und ich hörte auf zu denken. Es gab nur noch seine Hände, das Kerzenlicht, den Regen an der Scheibe und dieses langsame, schmelzende Verlangen in mir.
Irgendwann drehte er mich auf den Rücken. Er legte sich zwischen meine Beine und nahm meinen Schwanz in den Mund, und ich bäumte mich auf. Er war geduldig und zärtlich und wusste genau, wann er langsamer werden musste, um mich nicht zu früh kommen zu lassen. Ich sah ihm zu, wie sein Kopf sich hob und senkte, seine Locken auf meinem Bauch, und dachte, dass ich noch nie etwas so Erotisches gesehen hatte.
„Luca“, keuchte ich. „Ich will dich. Ganz.“
Er hob den Kopf. „Bist du sicher?“
„So sicher wie bei nichts sonst in diesem Jahr. In der Nachttischschublade sind Kondome. Und Gleitgel.“
Er grinste. „Und du hast mir erzählt, du hättest nur an deinen Hals gedacht.“
„Ich habe gelogen.“
Er streifte das Kondom über, verteilte das Gel großzügig, und dann kniete er zwischen meinen Beinen und sah mir in die Augen. Ich zog die Knie an und nickte. Er drang langsam in mich ein, so langsam, dass ich jeden Millimeter spürte, und hielt immer wieder inne, bis ich ihn mit meinen Fersen tiefer zog. Als er ganz in mir war, beugte er sich vor und küsste mich, und wir blieben so, verbunden, atmend, und keiner von uns bewegte sich.
„Alles okay?“, flüsterte er.
„Mehr als okay.“
Dann bewegte er sich. In langen, gleichmäßigen Stößen, die tief in mir etwas berührten, das mich jedes Mal aufstöhnen ließ. Ich hielt mich an seinem Rücken fest, spürte das Öl auf unserer Haut, das uns aneinander gleiten ließ. Er nahm meinen Schwanz in die Hand und streichelte mich im Takt seiner Bewegungen, und ich sah in seine dunklen Augen und konnte den Blick nicht mehr abwenden.
Es baute sich langsam auf, wie eine Welle, die von weit draußen kommt. Seine Stöße wurden schneller, sein Atem kürzer, und ich hörte mich selbst seinen Namen sagen, immer wieder. Als ich kam, kam ich mit einem langen, tiefen Stöhnen, der Rücken durchgebogen, und spürte, wie ich mich in heißen Schüben über meinen Bauch ergoss. Luca stöhnte auf, stieß noch zwei-, dreimal tief in mich und kam dann ebenfalls, zitternd, das Gesicht an meinem Hals vergraben.
Wir blieben lange so liegen. Die Kerze auf dem Nachttisch war fast heruntergebrannt. Draußen regnete es weiter, gleichmäßig und beruhigend.
„Das war die teuerste Massage, die ich je nicht bezahlt habe“, murmelte ich irgendwann.
Er lachte an meiner Schulter. „Ich muss dich enttäuschen. Ab jetzt bist du offiziell kein Kunde mehr.“
„Und was bin ich dann?“
Er stützte sich auf einen Ellenbogen und sah mich an, eine Locke im Gesicht, und strich mit dem Finger über meine Brust. „Vielleicht der Mann, mit dem ich morgen frühstücken gehe. Wenn er will.“
„Er will“, sagte ich.
Er blieb über Nacht. Am Morgen hat er mir trotzdem noch einmal den Nacken massiert, ganz ohne Liege, nackt im Bett, mit dem Kaffee auf dem Nachttisch. Er sagte, das sei rein medizinisch notwendig gewesen.
Seinen Kollegen habe ich übrigens nie angerufen. Mein Rücken ist seitdem so locker wie nie. Und die Massageliege steht inzwischen dauerhaft in meinem Arbeitszimmer, zusammengeklappt hinter der Tür. Wir benutzen sie selten. Das Bett ist einfach bequemer für zwei.
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