Die Weinprobe im Weinberg
·11 Min. Lesezeit
„Nicht schlucken“, sagte er, „noch nicht. Lass ihn erst über die Zunge laufen. Ganz langsam.“
Ich hatte in meinem Leben vermutlich zehntausend Weine probiert, und noch nie hatte mir jemand erklärt, wie man das macht. Schon gar nicht in diesem Ton. Tief, ruhig, ein wenig rau, als hätte er den ganzen Tag draußen im Wind gestanden. Was er vermutlich auch hatte.
Ich bin Clara, 38 Jahre alt, und ich schreibe seit zwölf Jahren über Wein. Für ein Fachmagazin in München, gelegentlich für eine große Wochenzeitung, und an schlechten Tagen für Supermarktprospekte, weil auch Weinjournalistinnen Miete zahlen. Ich kann einen Grauburgunder vom Kaiserstuhl blind von einem aus Rheinhessen unterscheiden. Ich weiß, wie man einen Spucknapf trifft, ohne die eigene Bluse zu ruinieren. Und ich hatte mir angewöhnt, Winzer nicht attraktiv zu finden. Es war schlicht unprofessionell.
Henrik Wolff machte es mir sehr schwer.
Sein Weingut lag am Rand eines kleinen Dorfes an der Deutschen Weinstraße, ein Hof aus rotem Sandstein mit einem Torbogen, über den sich wilder Wein rankte, der Ende September schon tiefrot geworden war. Mitten in der Lese. Im Hof standen Traubenwannen, ein Traktor tropfte vor sich hin, und es roch überall nach gärendem Most, süß und hefig und ein bisschen wild, ein Geruch, den man nie vergisst, wenn man ihn einmal in der Nase hatte.
Er war 44, hatte den Betrieb vor zehn Jahren von seinem Onkel übernommen und auf ökologischen Anbau umgestellt. Sein Riesling aus einer alten Steillage hatte in diesem Jahr einen Preis gewonnen, über den die ganze Branche redete, und meine Redaktion wollte eine Reportage. Vier Seiten. Mit Fotos.
Er stand mir gegenüber an einem langen Holztisch im Probierkeller, ein großer, schwerer Mann mit grauen Augen, wettergegerbter Haut und Händen, an denen der Traubensaft in den Rillen klebte. Seine dunklen Haare waren zu lang und zu wirr für jemanden, der gerade einen Preis gewonnen hatte. Er trug ein kariertes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, und an seinem Unterarm sah ich einen frischen Kratzer, wahrscheinlich von einer Rebschere.
„Okay“, sagte ich. „Langsam.“
Ich ließ den Wein über die Zunge laufen. Kühl, fast kalt. Dann kam er. Weißer Pfirsich, eine Spur Limettenschale, darunter etwas Steiniges, Rauchiges, wie warmer Fels nach einem Sommerregen. Die Säure lief mir an den Seiten der Zunge entlang und ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.
„Und jetzt?“, fragte ich.
„Jetzt Luft.“ Er machte es mir vor, zog mit gespitzten Lippen etwas Luft durch den Wein im Mund. Bei jedem anderen Menschen hätte das albern ausgesehen. Bei ihm nicht.
Ich machte es nach. Der Wein explodierte förmlich. Plötzlich war da Honig, Kräuter, ein Hauch von getrockneter Aprikose. Ich beugte mich über den Spucknapf, wie ich es immer tat, und spuckte aus.
„Unglaublich“, sagte ich und meinte es.
Er lächelte zum ersten Mal an diesem Nachmittag, und dieses Lächeln veränderte sein ganzes Gesicht. „Das ist der Schiefer. Die Reben stehen auf einem Hang, auf dem man kaum laufen kann. Die Wurzeln gehen zwölf Meter tief. Sie müssen kämpfen. Das schmeckt man.“
Wir probierten acht Weine. Ich spuckte jeden einzelnen aus, wie immer bei der Arbeit, und auch er schluckte keinen Tropfen, weil er am Abend noch Most abziehen musste. Ich schrieb mit, stellte meine Fragen, und er antwortete ausführlich, manchmal fast schüchtern, als wäre er es nicht gewohnt, so viel über sich zu reden. Aber wenn er über seine Reben sprach, über den Boden, den Wind, die Nächte im Oktober, in denen er wach lag und auf den Frost lauschte, dann wurde seine Stimme weich, und er sah mich dabei so an, als würde er gerade etwas sehr Persönliches erzählen.
Irgendwann merkte ich, dass ich schon seit Minuten nichts mehr notiert hatte. Ich hatte nur zugehört. Und auf seine Hände geschaut.
„Ich brauche noch Fotos von der Lage“, sagte ich und räusperte mich. „Von den alten Reben.“
„Dann komm mit. In einer Stunde geht die Sonne unter. Das ist die beste Zeit.“
Der Weg in den Weinberg führte über einen schmalen Feldweg, vorbei an Mandelbäumen und Feigensträuchern, an denen die letzten überreifen Früchte hingen. Die Luft war warm, viel zu warm für Ende September, und roch nach trockener Erde, nach Thymian, der zwischen den Steinen wuchs, und nach den Trauben, die überall schwer an den Stöcken hingen. Von irgendwoher klang das Rattern eines Vollernters herüber, dann wurde es still.
Henrik ging vor mir. Ich sah seinen Rücken unter dem Hemd, die Art, wie er sich bewegte, ohne Eile und ohne einen falschen Schritt. Als der Weg steiler wurde, drehte er sich um und hielt mir die Hand hin. Ich nahm sie. Sie war warm und trocken und rau, und als er mich über eine lose Steinstufe zog, stand ich für einen Moment so nah vor ihm, dass ich seinen Geruch wahrnahm. Erde, Holz, ein Hauch Schweiß und darunter etwas, das ich nicht benennen konnte.
Er ließ meine Hand nicht sofort los. Ich auch nicht.
Die Steillage war atemberaubend. Uralte Rebstöcke, knorrig und verdreht wie die Hände alter Menschen, standen in steilen Reihen auf grauem, schimmerndem Schiefer. Unter uns lag die Rheinebene im goldenen Dunst, ganz in der Ferne glitzerte irgendwo der Fluss. Am oberen Ende der Lage stand ein kleines Häuschen aus Sandstein, kaum größer als ein Gartenschuppen, mit einer Bank davor.
„Ein Wingertshäuschen“, sagte Henrik. „Mein Onkel hat da früher bei der Lese übernachtet. Damit er morgens als Erster draußen ist.“
Ich fotografierte. Die Reben im Gegenlicht, die Trauben, auf denen die Abendsonne lag, als wären sie von innen beleuchtet. Henrik, wie er eine Traube abschnitt und sie gegen das Licht hielt. Ich fotografierte ihn öfter, als nötig gewesen wäre, und ich glaube, er merkte es.
„Probier mal“, sagte er und hielt mir eine Beere hin.
Ich wollte sie mit den Fingern nehmen. Er schüttelte leicht den Kopf und hielt sie mir direkt an die Lippen.
Für einen Moment stand die Welt still. Ich hätte einen Schritt zurück machen können. Ich hätte lachen und die Situation auflösen können, wie ich das in zwölf Jahren Berufsleben so oft getan hatte. Stattdessen öffnete ich die Lippen, und er legte mir die Traube auf die Zunge. Seine Fingerspitze streifte meine Unterlippe.
Die Beere platzte zwischen meinen Zähnen. Süß, unglaublich süß, mit einem Hauch Säure dahinter, und warm von der Sonne.
„Und?“, fragte er leise.
„Nicht schlucken“, sagte ich. „Noch nicht. Erst über die Zunge laufen lassen.“
Er lachte nicht. Er sah mich nur an, und in seinen grauen Augen war plötzlich etwas, das vorher nicht dagewesen war. Oder das er bis jetzt versteckt hatte.
„Clara“, sagte er. „Ich muss dich etwas fragen, und du kannst Nein sagen. Ohne dass sich an deiner Reportage irgendetwas ändert. Das verspreche ich dir.“
Mein Herz schlug gegen meine Rippen. „Frag.“
„Darf ich dich küssen?“
Ich sah ihn an. Den Mann, über den ich schreiben sollte. Den Mann, den ich nicht attraktiv finden durfte. Die Sonne stand jetzt ganz tief, ein glühender Ball über dem Pfälzerwald, und tauchte alles in Kupfer und Rosé.
„Ja“, sagte ich. „Und zwar bevor die Sonne untergeht.“
Er küsste mich langsam. So, wie er mir den Wein erklärt hatte. Erst nur seine Lippen auf meinen, ganz leicht, dann ein wenig mehr, dann seine Zunge, vorsichtig, fragend. Er schmeckte nach der Traube und nach etwas Dunklerem, Herberem darunter. Seine Hand lag an meiner Wange, sein Daumen strich über meine Schläfe. Ich legte die Hände auf seine Brust und spürte durch das Hemd, wie schnell sein Herz schlug. Genauso schnell wie meins.
Als wir uns voneinander lösten, war ich außer Atem.
„Ich bin völlig nüchtern“, sagte ich, halb lachend, „und trotzdem dreht sich alles.“
„Ich auch“, sagte er. „Das ist nicht der Wein.“
Wir küssten uns wieder, länger diesmal, hungriger. Er drängte mich sanft rückwärts, bis ich die warme Sandsteinwand des Häuschens im Rücken spürte. Ich zog sein Hemd aus dem Hosenbund und schob die Hände darunter. Seine Haut war warm, sein Rücken breit und fest, und als ich mit den Fingernägeln leicht über seine Wirbelsäule fuhr, atmete er scharf ein.
„Hier oben kommt niemand hin“, sagte er an meinem Hals. „Nicht bei Sonnenuntergang. Aber wenn du lieber zurück willst …“
„Ich will nicht zurück“, sagte ich. „Ich will genau hier sein. Mit dir.“
Er nahm eine alte Wolldecke von der Bank, die sein Onkel dort wahrscheinlich vor Jahren vergessen hatte, und breitete sie zwischen den letzten Rebzeilen aus, dort, wo das Gras weich war und die Steine aufhörten. Dann kniete er sich vor mich hin und öffnete langsam, Knopf für Knopf, meine Bluse.
Ich stand da, über mir ein Himmel, der von Orange zu Violett wechselte, und spürte die warme Abendluft auf meiner Haut, als die Bluse von meinen Schultern glitt. Er küsste meinen Bauch, den Rand meines BHs, öffnete ihn mit einer Hand, so geschickt, dass ich kurz lachen musste.
„Übung?“, fragte ich.
„Weinlese“, sagte er. „Man lernt, mit den Händen vorsichtig zu sein.“
Er nahm meine Brust in den Mund, und ich vergaß, was ich hatte sagen wollen. Seine Zunge war warm, seine Lippen weich, und seine raue Hand auf meinem Rücken hielt mich fest, als wäre ich etwas Kostbares, das er nicht fallen lassen durfte. Ich vergrub die Finger in seinen wirren Haaren. Irgendwo in den Reben zirpte eine Grille. Weit unten im Dorf läutete eine Kirchenglocke sieben Uhr.
Er öffnete meine Jeans, zog sie mir zusammen mit dem Slip über die Hüften und half mir, aus beidem herauszusteigen. Dann war ich nackt, mitten in seinem Weinberg, und ich hatte mich noch nie so frei gefühlt.
„Leg dich hin“, sagte er leise. „Bitte.“
Ich legte mich auf die Decke. Die Wolle kratzte ein wenig an meinem Rücken, darunter spürte ich die Wärme, die die Erde den ganzen Tag gespeichert hatte. Henrik zog sein Hemd aus. Sein Oberkörper war breit und gebräunt bis zu einer scharfen Linie über den Hüften, wo sonst die Hose saß. Er legte sich neben mich, stützte sich auf einen Ellenbogen und sah mich lange an, im letzten Licht.
Dann begann er, mich zu verkosten.
Anders kann ich es nicht beschreiben. Er nahm sich Zeit für jede Stelle. Die Innenseite meines Handgelenks. Die Kuhle hinter meinem Ohr. Die Haut unter meiner Brust. Er küsste und leckte und atmete, und jedes Mal hielt er kurz inne, als wollte er sich merken, wie ich dort schmeckte. Als er an meinem Bauch ankam, zitterte ich schon. Als er meine Schenkel auseinanderschob und seine Lippen auf die Innenseite meines Oberschenkels legte, hielt ich die Luft an.
„Darf ich?“, fragte er.
„Wenn du jetzt aufhörst, schreibe ich einen Verriss“, flüsterte ich, und er lachte leise gegen meine Haut, und dieses Lachen, diese Vibration genau dort, ließ mich aufstöhnen.
Dann war sein Mund auf mir.
Er leckte mich so, wie er Wein probierte. Langsam. Aufmerksam. Er ließ seine Zunge zwischen meinen Schamlippen entlanggleiten, von unten nach oben, und wieder, und wieder, als müsste er jeden Ton herausschmecken. Er umkreiste meinen Kitzler, ohne ihn zu berühren, bis ich die Hüften hob und ihm entgegendrängte, und erst dann schloss er die Lippen darum und saugte sanft. Ich schrie auf. Leise, aber ich schrie. Er schob einen Finger in mich, dann einen zweiten, bewegte sie langsam, während seine Zunge nicht aufhörte, und über mir gingen die ersten Sterne auf.
Ich kam mit dem Blick in diesen violetten Himmel, die Finger in die Decke gekrallt, die Schenkel um seinen Kopf geschlossen. Es kam in langen, warmen Wellen, die gar nicht aufhören wollten, und er hielt mich fest, bis die letzte abgeebbt war.
Als er zu mir hochkam, küsste ich ihn und schmeckte mich selbst auf seinen Lippen. Ich öffnete seine Hose. Er war hart, so hart, dass er leise stöhnte, als ich ihn nur berührte. Ich schob ihm die Jeans über die Hüften und nahm ihn in die Hand, fühlte die samtige Haut, die Hitze, das Pochen.
„Hast du …“, begann ich.
Er griff in die Gesäßtasche seiner Jeans, zog sein Portemonnaie heraus und daraus ein Kondom. Er sah ein bisschen verlegen aus. „Ich hab es heute Morgen eingesteckt. Nachdem du angerufen hattest. Ich hab mir gesagt, dass das albern ist.“
„Es war nicht albern“, sagte ich und nahm es ihm aus der Hand.
Ich rollte es ihm über, langsam, und spürte, wie er unter meinen Fingern zuckte. Dann zog ich ihn auf mich. Er stützte sich auf die Unterarme, sein Gesicht direkt über meinem, und sah mich an.
„Bist du sicher?“
„Ich war mir noch nie so sicher“, sagte ich und schlang die Beine um ihn.
Er glitt in mich, langsam und tief, und wir stöhnten beide gleichzeitig auf. Für einen Moment bewegte er sich nicht. Er lag einfach in mir, schwer und warm, und ich spürte ihn überall. Dann begann er sich zu bewegen, mit langen, ruhigen Stößen, die mich jedes Mal ganz ausfüllten. Unter uns die warme Erde, über uns die Sterne, um uns die alten Reben, die in der Dunkelheit wie stumme Zeugen standen.
Ich verlor jedes Zeitgefühl. Es gab nur noch seinen Atem an meinem Ohr, das leise Rascheln der Blätter im Abendwind, den Duft von Trauben und Thymian und Haut. Er wurde schneller, und ich kam ihm entgegen, und irgendwann drehte er uns, sodass ich auf ihm saß. Ich ritt ihn langsam, die Hände auf seiner Brust, den Kopf in den Nacken gelegt, und sah über mir die Milchstraße auftauchen, so klar, wie man sie in der Stadt nie sieht.
„Sieh mich an“, sagte er heiser.
Ich sah ihn an. Er legte die Hand zwischen meine Beine und rieb mich mit dem Daumen, im Takt meiner Bewegungen, und ich spürte, wie es sich wieder in mir aufbaute, langsamer diesmal, tiefer. Wir kamen fast gleichzeitig. Ich zuerst, mit einem langen, zitternden Stöhnen, das irgendwo zwischen den Reben verhallte, und dann er, mit beiden Händen an meinen Hüften, mit meinem Namen auf den Lippen.
Ich sank auf seine Brust. Er zog die Decke über uns, so gut es ging, und wir lagen lange einfach da, schweigend, und hörten den Grillen zu.
„Was schreibst du jetzt in deine Reportage?“, fragte er irgendwann.
Ich dachte nach. „Dass die Steillage einen ganz eigenen Charakter hat. Dass man den Kampf der Reben im Wein schmeckt. Dass der Winzer seine Weine mit großer Hingabe verkostet.“
Er lachte, und ich spürte das Lachen in seiner Brust. „Das klingt sehr professionell.“
„Ich bin sehr professionell.“
„Und der Rest?“
„Der Rest“, sagte ich und küsste ihn, „ist nicht für die Leser.“
Die Reportage erschien im November. Vier Seiten, mit einem Foto von Henrik, wie er eine Traube gegen das Abendlicht hält. Die Kolleginnen in der Redaktion sagten, es sei das sinnlichste Stück, das ich je geschrieben hätte. Ich habe nur gelächelt.
Zur Lese im nächsten Jahr bin ich wieder hingefahren. Ohne Auftrag. Ohne Notizblock. Henrik hat das Wingertshäuschen in der Zwischenzeit renoviert. Es gibt jetzt ein breites Bett darin und ein Fenster, durch das man vom Kopfkissen aus den Sonnenuntergang über der Rheinebene sieht.
Manchmal schlafen wir darin. Öfter aber nehmen wir die alte Wolldecke mit hinaus zwischen die Reben, und er erklärt mir noch einmal, ganz langsam, wie man richtig verkostet.
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