Eingeschneit auf der Skihütte – der Winterraum
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Der Winterraum der Hütte war vier Meter lang, drei Meter breit und hatte einen gusseisernen Ofen, ein Matratzenlager für sechs Personen und ein Hüttenbuch, in das seit Weihnachten niemand mehr etwas geschrieben hatte. Ich hatte vor, ihn zwei Nächte lang ganz für mich zu haben.
Ich bin Ruth, 44 Jahre alt, Försterin im Lechtal, und ich gehe seit zwanzig Jahren auf Skitour. Allein, meistens. Ich mag die Stille über der Baumgrenze, das Knirschen der Felle im Schnee, das Gefühl, dass der Berg mich nicht braucht und ich ihn trotzdem besuchen darf. Die Hütte selbst war von Oktober bis Mai geschlossen, aber wie bei allen Alpenvereinshütten gab es den Winterraum: unverschlossen, mit Holz, Decken und einer Notfunkstelle, für jeden, der ihn braucht.
An diesem Freitagnachmittag im Februar brauchte ich ihn dringender als geplant. Der Wetterbericht hatte den Sturm für Samstagabend angesagt. Er kam um vier Uhr nachmittags, vierundzwanzig Stunden zu früh.
Ein Klopfen im Sturm
Ich hatte gerade den Ofen angeheizt, die nassen Socken über die Leine gehängt und einen Topf Schnee auf die Platte gestellt, als jemand gegen die Tür schlug. Nicht klopfte. Schlug, mit der flachen Hand, mehrmals.
Ich öffnete. Draußen war nichts als Weiß, waagrecht fliegendes Weiß, und darin eine Gestalt mit Stirnlampe, Schnee bis zu den Knien, die Kapuze voller Eis.
„Gott sei Dank“, sagte die Gestalt mit einer tiefen Stimme. „Ich hab die Hütte zweimal verfehlt. Zweimal. Darf ich rein?“
„Das ist ein Winterraum“, sagte ich. „Hier darf jeder rein.“
Er stellte die Ski draußen an die Wand, klopfte die Schuhe ab und kam herein, und der Raum wurde sofort kleiner. Er zog die Handschuhe aus, dann die Kapuze, dann eine Mütze, unter der dunkle, verschwitzte Locken zum Vorschein kamen, mit Grau darin. Ein schmales Gesicht, ein kurz gehaltener Bart, voller Eiskristalle, die im Ofenlicht langsam zu Tropfen wurden.
„Tobias“, sagte er und hielt mir die Hand hin. Sie war eiskalt. „Ich bin Bergführer. Ich sollte wirklich wissen, wo diese Hütte steht. Das bleibt bitte unter uns.“
„Ruth. Försterin. Ich werde es nur dem Hüttenbuch erzählen.“
Er lachte, ein kurzes, erschöpftes Lachen, und setzte sich auf die Bank vor dem Ofen und schloss die Augen. Ich gab ihm einen Becher heißes Wasser mit Honig. Er trank ihn, ohne die Augen zu öffnen.
Tobias war 47, das erfuhr ich, während der Sturm draußen an den Fensterläden riss. Er kam aus Imst und hatte an diesem Tag eine Gruppe aus München begleitet, die er am Nachmittag sicher ins Tal gebracht hatte. Danach hatte er noch allein hinaufgewollt, zur Hütte, um am nächsten Morgen eine Rinne zu erkunden. „Eine dumme Idee“, sagte er. „Ich sage meinen Gästen jede Woche, dass man so etwas nicht macht.“
„Und warum hast du es gemacht?“
Er sah in den Ofen. „Weil ich heute Geburtstag habe. Und weil ich nicht in einer leeren Wohnung sitzen wollte.“
Ein Lager für sechs, ein Ofen für zwei
Der Sturm hörte nicht auf. Um sieben Uhr abends funkte Tobias die Bergrettung an, meldete, dass wir zu zweit im Winterraum seien, unverletzt, mit genug Holz, und dass wir bleiben würden, bis das Wetter es zuließ. Die Stimme aus dem Funkgerät klang beruhigt und gelangweilt zugleich.
„Dann sind wir jetzt offiziell eingeschneit“, sagte ich.
„Sieht so aus.“
Ich kochte Nudeln mit Tomatensoße aus der Tüte, und er holte aus seinem Rucksack eine kleine Flasche Zirbenschnaps und einen in Alufolie gewickelten Kuchen, leicht zerdrückt.
„Den hat mir meine Schwester gestern gebacken“, sagte er. „Für heute. Ich hatte nicht vor, ihn zu teilen. Aber du hast mir die Tür aufgemacht.“
Ich steckte ein Streichholz in den Kuchen und zündete es an. „Wünsch dir was.“
Er sah mich über das kleine Flämmchen hinweg an, länger, als man jemanden ansieht, den man seit drei Stunden kennt. Dann blies er es aus.
Wir aßen den Kuchen mit den Fingern und tranken den Zirbenschnaps aus dem Deckel der Thermoskanne und redeten. Über Lawinen, über die Bäume in meinem Revier, die der Borkenkäfer frisst, über seine Ehe, die vor drei Jahren zu Ende gegangen war, weil seine Frau nicht mehr jeden Winter Angst haben wollte, ob er wiederkommt. Über meine, die nie stattgefunden hatte, weil ich nie jemanden getroffen hatte, der mit meiner Stille zurechtkam.
„Ich komme gut mit Stille zurecht“, sagte er.
„Du redest seit drei Stunden.“
„Weil du zuhörst. Das ist was anderes.“
Gegen zehn wurde es kalt. Der Ofen war gut, aber der Raum war alt und die Wände dünn, und der Sturm drückte die Kälte durch jede Ritze. Das Matratzenlager war ein breites Holzpodest unter dem Dach mit sechs schmalen Matratzen nebeneinander und einem Stapel grober Wolldecken, die nach Rauch und Schaf rochen.
„Die Bergwacht empfiehlt in so einem Fall …“, fing Tobias an.
„Ich weiß, was die Bergwacht empfiehlt. Ich habe denselben Kurs gemacht.“
Wir schoben zwei Matratzen ganz an den Ofenrohr-Durchgang, wo es am wärmsten war, legten unsere Schlafsäcke darauf und vier Wolldecken darüber. Ich behielt meine lange Unterwäsche an, er seine. Wir legten uns nebeneinander, Rücken an Rücken, mit einer Handbreit Abstand, und ich starrte auf die Holzwand und hörte ihn atmen und konnte nicht schlafen.
Die Frage
„Ruth“, sagte er nach einer Weile in die Dunkelheit. „Schläfst du?“
„Nein.“
„Mir ist kalt.“
„Mir auch.“
Er drehte sich um. Ich spürte es an der Bewegung der Matratze. „Darf ich mich an dich legen? Nur zum Wärmen. Wenn du nein sagst, ist das völlig in Ordnung.“
Ich drehte mich auch um. Im roten Schein, der durch die Ofentür kam, sah ich sein Gesicht, ganz nah, ernst.
„Nur zum Wärmen“, sagte ich, „ist gelogen. Bei mir jedenfalls.“
Eine Weile sagte keiner von uns etwas. Draußen heulte der Sturm um die Ecke der Hütte.
„Bei mir auch“, sagte er leise. „Seit du mir die Tür aufgemacht hast, eigentlich.“
„Dann frag mich richtig.“
Er hob die Hand und legte sie an meine Wange, warm jetzt, endlich warm. „Ich möchte dich küssen, Ruth. Und wenn es dir gefällt, möchte ich mit dir schlafen. Hier, heute Nacht. Und wenn du an irgendeiner Stelle aufhören willst, hören wir auf.“
„Ja“, sagte ich. „Zu allem.“
Unter den Wolldecken
Sein Kuss war vorsichtig, fast fragend, und dann nicht mehr. Ich hatte seit Jahren niemanden mehr so geküsst, mit dieser Mischung aus Hunger und Geduld, und ich zog ihn unter den Decken an mich, bis ich seinen ganzen Körper an meinem spürte, die harten Oberschenkel, den flachen Bauch, und, durch zwei Lagen Funktionsstoff, seinen Schwanz, der hart gegen meine Hüfte drückte.
„Entschuldigung“, murmelte er an meinem Mund.
„Wofür? Das ist das Wärmste hier.“
Er lachte, und ich spürte das Lachen in seiner Brust. Dann schob er seine Hand unter mein Unterhemd, flach auf meinen Bauch, und ließ sie dort liegen, als müsste er sich erst daran gewöhnen. Langsam wanderte sie nach oben. Ich trage auf Tour keinen BH, nur ein Sporttop, und er schob es hoch und umfasste meine Brust, und ich bog mich ihm entgegen.
Wir zogen uns unter den Decken aus. Es war ein umständliches Gefummel, Ellbogen, Knie, ein Fuß, der sich im Hosenbein verfing, und wir lachten beide atemlos, bis wir endlich nackt waren, Haut an Haut, in einem Nest aus Wolle und Daunen, und das Lachen aufhörte.
Seine Haut war heiß. Ich strich ihm über den Rücken, über die Schulterblätter, über die Narbe an der Schulter, von der er mir beim Essen erzählt hatte, ein Sturz in eine Spalte am Gepatschferner. Er küsste meinen Hals, die Schlüsselbeine, dann meine Brüste, nahm eine Brustwarze in den Mund und saugte daran, ganz sanft, dann fester, und ich griff in seine Locken.
„Darf ich tiefer?“, fragte er.
„Bitte.“
Er verschwand unter den Decken. Ich spürte seine Lippen auf meinem Bauch, auf den Hüftknochen, an der Innenseite meiner Schenkel, und dann seinen Atem zwischen meinen Beinen, und ich hielt die Luft an. Seine Zunge war langsam und gründlich. Er leckte mich von unten nach oben, umkreiste meinen Kitzler, ohne ihn ganz zu berühren, wieder und wieder, bis ich die Hüften hob und ihm hinterherjagte. Erst dann legte er die Lippen darum und saugte, und ich stöhnte so laut auf, dass ich selbst erschrak.
„Hier hört uns nur der Sturm“, kam seine Stimme gedämpft unter der Decke hervor.
Ich ließ mich gehen. Ich hielt mich an der Matratze fest und an seinen Haaren, und er schob einen Finger in mich, dann einen zweiten, und bewegte sie im gleichen Takt wie seine Zunge. Draußen drückte der Wind gegen die Fensterläden, und drinnen knackte der Ofen, und ich kam, mit einem Zittern, das durch meinen ganzen Körper lief, während seine Hände meine Hüften festhielten.
Zirbenholz und Glut
Er kam zu mir hoch, und ich küsste ihn und schmeckte mich selbst auf seinen Lippen.
„Ich habe kein Kondom“, sagte er leise. „Wer packt so etwas für eine Skitour ein.“
„Ich“, sagte ich. „Im Erste-Hilfe-Set. Seit Jahren. Zwischen Rettungsdecke und Blasenpflaster. Ich habe nie geglaubt, dass ich es brauche.“
Er sah mich an und begann so sehr zu lachen, dass das ganze Podest wackelte.
Ich kroch unter den Decken hervor, nackt, in die Kälte, und holte den kleinen roten Beutel aus meinem Rucksack. Im Ofenlicht sah er mir zu, wie ich zurückkam, und hörte auf zu lachen. Ich riss die Packung auf und rollte ihm das Kondom über, und er hielt dabei ganz still und atmete schwer.
Ich setzte mich auf ihn. Ich wollte ihn sehen, das Ofenlicht auf seinem Gesicht, und die Decken rutschten mir von den Schultern, und es war mir egal, dass es kalt war. Ich nahm ihn langsam in mich auf, Stück für Stück, und er hielt meine Hüften und sah mir ins Gesicht, und als er ganz in mir war, sagte er nur meinen Namen.
Ich bewegte mich langsam. Ich hatte keine Eile. Es war, als hätte die Nacht keine Uhr mehr, nur den Sturm draußen und die Glut im Ofen. Er setzte sich auf und zog die Wolldecke um uns beide, und wir saßen so, eng umschlungen, ich auf ihm, Brust an Brust, in einem warmen Zelt aus Wolle, und bewegten uns miteinander, langsam und tief.
„Du bist wunderschön“, sagte er an meinem Ohr.
„Ich bin 44 und habe Hornhaut von den Skischuhen.“
„Du bist wunderschön“, wiederholte er, „und du hast Hornhaut von den Skischuhen.“
Ich küsste ihn. Ich ritt ihn schneller, und er griff zwischen uns und fand meinen Kitzler mit dem Daumen, und ich spürte, wie es sich wieder aufbaute, dieses Ziehen tief im Bauch. Er stieß von unten in mich, und ich hielt mich an seinen Schultern fest, und als ich ein zweites Mal kam, presste ich mein Gesicht an seinen Hals, um nicht zu schreien, und dann schrie ich doch. Er folgte mir, wenige Stöße später, mit einem tiefen Stöhnen, die Arme so fest um mich, dass ich kaum atmen konnte.
Das Hüttenbuch
Wir schliefen ein, ineinander verknotet, und ich wachte erst auf, als er aufstand, um Holz nachzulegen. Es war vier Uhr morgens. Der Sturm war leiser geworden.
Am Samstag ließ das Wetter uns nicht hinaus. Wir verbrachten den Tag in diesem Raum von vier mal drei Metern. Wir spielten Karten mit einem Spiel, bei dem der Herz-König fehlte. Wir schliefen miteinander, am Vormittag, langsam, unter den Decken, und am Nachmittag, wild, auf der Bank vor dem Ofen, und ich hatte Splitter im Hintern, die er mir danach mit der Pinzette aus meinem Erste-Hilfe-Set herauszog, sehr konzentriert, wie ein Chirurg.
Am Sonntagmorgen war der Himmel blau und die Welt neu. Meterhoch lag der Schnee, glatt und unberührt, und die Sonne machte ihn so hell, dass man ohne Brille nicht hinsehen konnte. Wir fellten auf und standen eine Weile vor der Hütte und sagten nichts.
Bevor wir gingen, schlug ich das Hüttenbuch auf. Die letzte Eintragung war vom 27. Dezember. Ich nahm den Stift, der an einer Schnur daran hing, und schrieb:
„14.–16. Februar. Ruth und Tobias. Eingeschneit. Holz verbraucht: viel. Kuchen: geteilt. Herz-König: fehlt immer noch.“
Er las es über meine Schulter und nahm mir den Stift aus der Hand. Darunter schrieb er:
„Rinne nicht erkundet. Komme wieder.“
„Allein?“, fragte ich.
„Nein“, sagte er. „Das sage ich meinen Gästen jede Woche. Man geht da nicht allein hinauf.“
Wir sind die Rinne im März zusammen gefahren. Im Hüttenbuch steht noch ein dritter Eintrag von uns. Was darin steht, verrate ich nicht. Aber den Herz-König haben wir mitgebracht und ins Kartenspiel zurückgelegt, damit der Nächste, der eingeschneit wird, ein vollständiges Blatt hat.
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