Sommerurlaub auf Milos – die Terrasse mit der halben Mauer

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Die Mauer zwischen unseren Terrassen war genau so hoch, dass man sich darüber hinweg ansehen konnte, wenn man stand, und genau so niedrig, dass man sie in einer bestimmten Nacht mit einem einzigen Schritt überwinden konnte.

Aber davon wusste ich am ersten Abend noch nichts. Am ersten Abend wusste ich nur, dass ich allein war, auf einer griechischen Insel, in einem Urlaub, der für zwei gebucht gewesen war.

Ich heiße Ines, ich bin 37, und ich restauriere Gemälde für ein Museum in Köln. Ich verbringe meine Tage mit Skalpell und Wattestäbchen über vierhundert Jahre alten Gesichtern und entferne Schicht für Schicht, was die Zeit darübergelegt hat. Mein Freund hatte drei Wochen vor der Abreise beschlossen, dass er „Raum für sich“ brauchte. Er bekam den Raum. Ich bekam die Reise.

Die Pension lag in Klima, einem Fischerdorf auf Milos, in dem die Häuser so dicht ans Wasser gebaut sind, dass die Wellen an die bunten Bootstüren schlagen. Weiß getüncht, die Fensterläden blau, rot, grün, und unter jedem Haus eine Garage für ein Boot. Mein Zimmer war das obere von zweien, mit einer eigenen Terrasse direkt über dem Meer. Eine schmale Fläche aus Steinplatten, ein Tisch, zwei Stühle, ein Bougainvillea-Strauch, der in Magenta über das Geländer quoll. Und rechts eine halbhohe weiße Mauer, hinter der eine zweite, identische Terrasse lag.

Auf der saß ein Mann und schälte eine Orange.

Er sah auf, als ich die Tür öffnete. Ende dreißig, Anfang vierzig. Dunkelblonde Haare, die die Sonne an den Spitzen fast weiß gebleicht hatte. Ein Leinenhemd, offen bis zum Brustbein. Braune Unterarme. Ein Gesicht, das zu viel Zeit draußen verbracht hatte, um noch glatt zu sein, und gerade deshalb schön.

„Kalispera“, sagte er, mit einem Akzent, der nicht griechisch war.

„Guten Abend“, sagte ich, aus Reflex auf Deutsch.

Er lächelte. „Ah. Dann können wir ja Deutsch reden. Ich bin Bram. Aus Utrecht. Ich wohne seit einer Woche hier, und ich muss Sie warnen: Der Wind trägt jedes Wort über diese Mauer.“

Er hatte recht. Der Meltemi, der Sommerwind der Kykladen, blies von Norden über das Wasser, heiß und unermüdlich, und er nahm alles mit, was nicht festgebunden war. Servietten, Hüte, Gesprächsfetzen. In den ersten zwei Nächten hörte ich Bram telefonieren, auf Niederländisch, leise, wahrscheinlich mit der Arbeit. Ich hörte ihn nachts das Fenster schließen, wenn der Wind zu stark wurde. Ich hörte ihn morgens um sieben ins Meer springen, direkt von der Treppe unter unserer Terrasse.

Und er hörte mich. Das wurde mir am dritten Abend klar, als ich mit einem Glas Weißwein an der Brüstung stand und weinte. Nicht laut. Nur dieses kleine, lästige Weinen, das kommt, wenn man einen schönen Sonnenuntergang allein ansieht und genau weiß, mit wem man ihn eigentlich ansehen wollte.

Über die Mauer hinweg wurde mir ein Teller gereicht. Darauf lagen Orangenspalten, sauber geschält, und ein Stück Feta mit Thymianhonig.

„Gegen Kummer“, sagte Bram. „Meine Großmutter schwört darauf. Sie ist Bäuerin in Brabant, sie hat keine Ahnung von Griechenland, aber bei Kummer gab es immer Orangen.“

Ich nahm den Teller. Ich lachte durch die Tränen. „Ist es so offensichtlich?“

„Der Wind“, sagte er nur und zuckte mit den Schultern.

Wir redeten an diesem Abend zwei Stunden lang, jeder auf seiner Seite der Mauer, die Ellbogen auf dem warmen Stein. Er war 42, Landschaftsarchitekt, und er baute Parks auf ehemaligen Industrieflächen. Er war geschieden, seit vier Jahren, freundschaftlich, wie er sagte, so freundschaftlich, dass es manchmal wehtat. Er kam jedes Jahr allein auf diese Insel, weil er die Steine mochte. Milos ist ein Vulkan, sagte er, alles hier ist aus Feuer gemacht und vom Wasser geformt.

„Wie ich“, sagte ich, und es war als Witz gemeint, aber er sah mich an, als hätte ich etwas Wahres gesagt.

Am nächsten Morgen fragte er über die Mauer, ob ich mit nach Sarakiniko wolle. Ich wollte.

Sarakiniko sieht aus wie ein anderer Planet. Weiße Felsen, glatt und gewellt wie geschmolzenes Wachs, die in Schwüngen ins türkisfarbene Wasser abfallen. Keine Pflanze, kein Schatten. Nur Stein, so hell, dass man ohne Sonnenbrille die Augen zukneifen muss, und ein Meer, das so klar ist, dass man die Fische auf dem Grund zählen kann. Am Mittag war die Bucht voller Menschen, die von den Felsen sprangen und Fotos machten. Wir blieben nicht lange.

„Hier muss man nachts herkommen“, sagte Bram auf dem Rückweg. „Bei Vollmond. Dann ist niemand hier, und die Felsen leuchten.“

„Wann ist Vollmond?“

Er sah mich an, über den Rand seiner Sonnenbrille. „Übermorgen.“

Die zwei Tage dazwischen waren die längsten und kürzesten meines Lebens. Wir fuhren mit einem Fischerboot nach Kleftiko, wo Piraten früher ihre Schiffe zwischen den Felsbögen versteckt hatten, und schwammen durch Höhlen, in denen das Wasser blau leuchtete. Wir aßen gegrillten Oktopus in einer Taverne, deren Tische fast im Wasser standen. Wir sprachen über alles, über Bilder und Gärten und darüber, wie man etwas Kaputtes heil macht, ohne so zu tun, als sei es nie kaputt gewesen.

„Bei Gemälden“, sagte ich, „versuchen wir nie, den Schaden unsichtbar zu machen. Wir machen ihn ehrlich. Man soll sehen, was passiert ist. Aber man soll das Bild wieder ansehen können.“

Er schwieg eine Weile. Dann sagte er: „Das ist das Schönste, was ich seit Langem gehört habe.“

Und er berührte mich nicht. Kein einziges Mal, außer wenn er mir aus dem Boot half oder über einen Felsen. Er hielt meine Hand dann immer einen Moment länger, als nötig gewesen wäre, und ließ sie dann los. Ich verstand, warum. Er wusste, mit welchem Kummer ich angekommen war. Er wartete, ob ich ihn ließe.

Die Nacht des Vollmonds war heiß und windstill. Der Meltemi hatte sich für einen Tag schlafen gelegt, und die Luft stand über dem Wasser wie in einem Backofen. Um Mitternacht klopfte ich an die Mauer. Zwei Mal.

„Bist du wach?“

„Natürlich“, kam es zurück.

„Fährst du mich nach Sarakiniko?“

Er fuhr mich mit seinem gemieteten Roller über die leeren Straßen, ich saß hinter ihm, die Arme um seine Taille, die Wange an seinem Rücken. Er roch nach Sonnencreme und Salz und nach seiner eigenen warmen Haut. Ich spürte jeden Atemzug, den er nahm.

Er hatte recht gehabt. Sarakiniko bei Vollmond ist das Schönste, was ich je gesehen habe. Die Felsen leuchteten, als hätten sie das Licht des Tages gespeichert und gäben es jetzt langsam wieder ab. Silbern, fast bläulich. Das Meer war schwarz und vollkommen still, und auf seiner Oberfläche lag eine breite Straße aus Mondlicht, die bis zum Horizont reichte. Die Bucht war leer. Kein Auto auf dem Parkplatz, keine Stimme, kein Licht. Nur wir, die Felsen und das leise Klicken der Wellen.

Wir zogen die Schuhe aus und gingen barfuß über den Stein. Er war noch warm. Ich setzte mich auf eine der Felswellen, ganz unten am Wasser, und Bram setzte sich neben mich. Nicht zu nah. Eine Handbreit Luft zwischen unseren Schultern.

„Ich will schwimmen“, sagte ich. „Ohne alles.“

Er sah aufs Wasser, nicht zu mir. „Soll ich mich umdrehen?“

„Nein.“

Ich stand auf und zog mein Kleid über den Kopf. Darunter trug ich nichts. Ich hatte es so geplant, seit dem Nachmittag, und mein Herz schlug so heftig, dass ich glaubte, es müsse im ganzen leeren Felsenrund widerhallen. Ich stand nackt im Mondlicht, vor einem Mann, den ich seit fünf Tagen kannte, und ich schämte mich nicht. Zum ersten Mal seit Monaten fühlte ich mich nicht wie etwas, das jemand zurückgelassen hatte.

Bram sah mich an. Lange. Er sagte nichts. Aber die Art, wie er atmete, sagte genug.

Ich ging ins Wasser. Es war warm wie Badewasser an der Oberfläche und darunter kühl, und als ich hineintauchte, legte es sich um mich wie Seide. Ich schwamm ein paar Züge in die Mondstraße hinaus, drehte mich auf den Rücken und sah hinauf. Sterne, so viele, dass der Himmel fast hell wirkte.

Als ich den Kopf drehte, stand er am Ufer. Ohne Hemd. Ohne Hose. Er stand einen Moment da, als wollte er mir Zeit geben, wegzusehen. Ich sah nicht weg. Er war schlank und sehnig, seine Schultern breit, die Haut gebräunt bis auf einen hellen Streifen um die Hüften. Und er war hart. Er versuchte nicht, es zu verbergen.

Dann sprang er.

Er tauchte neben mir auf, prustend, das Haar im Gesicht. Wir schwammen nebeneinander, ohne zu reden. Irgendwann berührten sich unter Wasser unsere Beine. Dann unsere Hände. Ich hielt seine fest.

„Bram“, sagte ich. „Ich will, dass du mich küsst. Und ich will, dass du nicht aufhörst, wenn ich nicht sage, dass du aufhören sollst.“

„Bist du sicher? Ich will nicht der Mann sein, der dich tröstet. Ich will, dass du mich willst.“

„Ich will dich“, sagte ich. „Nicht als Trost. Als dich.“

Er küsste mich, mitten in der Mondstraße, beide Wasser tretend, und es war ein ungeschickter, salziger, wunderbarer Kuss, bei dem wir beide fast untergingen und lachend wieder auftauchten. Der zweite Kuss war im flachen Wasser, wo wir stehen konnten. Er legte die Hände an mein Gesicht und küsste mich, als hätte er fünf Tage lang an nichts anderes gedacht. Ich legte die Arme um seinen Hals und presste mich an ihn, und ich spürte ihn an meinem Bauch, hart und warm im kühlen Wasser.

Er hob mich hoch. Ich schlang die Beine um ihn. Er trug mich aus dem Wasser, über die Felsen, die sich glatt und warm unter seinen Füßen anfühlen mussten, bis zu einer flachen Mulde im Stein, in die er unsere Handtücher geworfen hatte. Dort legte er mich hin.

Der Stein unter mir gab die Hitze des Tages ab. Über mir der Mond, so hell, dass ich jede Linie in Brams Gesicht sah, als er sich über mich beugte. Wassertropfen fielen von seinen Haaren auf meine Brust. Er küsste sie weg, einen nach dem anderen. Er küsste meinen Hals, meine Schultern, die Kuhle zwischen meinen Brüsten, und als er meine Brustwarze in den Mund nahm, salzig vom Meer, warm von seiner Zunge, bog ich mich ihm entgegen und hörte mich selbst einen Laut machen, den der Wind nicht mehr forttragen konnte, weil es keinen Wind gab.

„Du schmeckst nach Meer“, flüsterte er.

„Du auch.“

Er ließ sich Zeit. Er ließ sich so viel Zeit, dass ich irgendwann ungeduldig an seinen Haaren zog. Er küsste meinen Bauch, die Hüftknochen, die Innenseite meiner Schenkel, bis ganz kurz vor die Stelle, an der ich ihn haben wollte, und wieder weg. Dann sah er zu mir hoch.

„Darf ich?“

„Wenn du noch einmal fragst“, sagte ich, „werfe ich dich ins Meer.“

Er lachte leise gegen meinen Oberschenkel. Dann legte er seinen Mund auf mich.

Ich hatte seit Monaten nichts mehr gefühlt, und jetzt fühlte ich alles auf einmal. Die Wärme des Steins in meinem Rücken. Die kühle Nachtluft auf meinen nassen Brüsten. Seine Zunge, die mich langsam öffnete, Lippe für Lippe, die über meinen Kitzler strich, so leicht, dass es fast wehtat, und dann fester, als ich die Hüften hob. Seine Hände, die meine Schenkel hielten. Das leise Schlagen der Wellen, irgendwo unter uns. Er leckte mich, als wolle er mich auswendig lernen, und ich ließ ihn, und irgendwann ließ ich alles los. Der Orgasmus kam langsam, wie eine Welle, die sich weit draußen aufbaut und erst ganz am Ende bricht, und als sie brach, schrie ich in den Mond, und das Felsenrund gab meine Stimme zurück.

Danach zog ich ihn zu mir hoch und küsste ihn, schmeckte mich selbst auf seinen Lippen, und griff zwischen uns nach ihm. Er stöhnte in meinen Mund, als ich die Hand um ihn schloss. Er war heiß und glatt und so hart, dass er unter meinen Fingern zuckte.

„Ich habe etwas mitgebracht“, sagte er, heiser. „In der Hosentasche. Ich wollte nichts annehmen. Ich wollte nur nicht unvorbereitet sein.“

„Du bist ein sehr vernünftiger Mann.“

„Ich bin Holländer.“

Ich holte das Kondom aus seiner Shorts, die zwischen den Felsen lag, und rollte es ihm über, langsam, und sah ihm dabei in die Augen. Dann drückte ich ihn auf den Rücken, auf das Handtuch, auf den warmen Stein, und setzte mich auf ihn.

Ich nahm ihn langsam in mich auf. So langsam, dass er die Augen schloss und die Hände in meine Hüften grub. Ich wollte jeden Zentimeter spüren. Ich wollte mich daran erinnern, wie sich das anfühlt, wenn jemand einen wirklich will. Als er ganz in mir war, blieb ich still sitzen, die Hände auf seiner Brust, und spürte sein Herz unter meinen Fingern rasen.

„Sieh mich an“, sagte ich.

Er öffnete die Augen. Über mir der Mond, unter mir dieser Mann, um uns herum leuchtende Felsen und schwarzes Wasser. Ich begann, mich zu bewegen. Langsam, kreisend. Er hob mir die Hüften entgegen. Seine Hände wanderten über meinen Bauch zu meinen Brüsten, umfassten sie, strichen mit den Daumen über die Nippel, und ich ritt ihn schneller, und der Stein unter uns war warm, und seine Haut war warm, und ich war so nass, dass ich jedes Mal, wenn ich mich auf ihn senkte, ein leises Geräusch hörte, das mich nur noch mehr erregte.

„Ines“, keuchte er. „Ines, ich halte das nicht mehr lange …“

„Dann nicht“, sagte ich. „Wir haben noch neun Nächte.“

Er richtete sich auf, schlang die Arme um mich, und so saßen wir, Brust an Brust, ich auf seinem Schoß, die Beine um ihn geschlungen, und bewegten uns zusammen, Stirn an Stirn, Atem an Atem. Seine Hand glitt zwischen uns, fand meinen Kitzler, und ich kam ein zweites Mal, mit seinem Namen auf den Lippen, ganz nah an seinem Gesicht. Er kam fast im selben Moment. Ich spürte, wie er in mir pulsierte, wie er die Arme so fest um mich schloss, als wolle er mich nie mehr loslassen, und sein Stöhnen war tief und gebrochen und klang nach etwas, das lange festgehalten worden war.

Wir blieben so sitzen, bis der Mond hinter den Felsen verschwand.

Die neun Nächte, die noch blieben, verbrachten wir auf unseren Terrassen. Auf beiden. Die Mauer zwischen uns überstieg ich so oft, dass ich irgendwann eine Stufe aus einem umgedrehten Blumentopf daneben stellte. Der Meltemi kam zurück und blies jedes Stöhnen über das Meer davon, und ich war ihm dankbar, dass er alles mitnahm, was wir nicht leise sagen konnten.

Wir liebten uns am frühen Morgen, wenn das Licht noch blassrosa war und die Boote hinausfuhren, hinter geschlossenen blauen Fensterläden, durch deren Ritzen Sonnenstreifen auf seinen Rücken fielen. Wir liebten uns mittags, wenn es zu heiß war, um irgendetwas anderes zu tun, auf kühlen Laken, mit einem Ventilator, der surrend über uns kreiste. Wir aßen Orangen im Bett und küssten uns mit klebrigen Lippen.

Am letzten Abend saßen wir auf meiner Terrasse, und er schälte eine Orange, wie am ersten Abend.

„Was jetzt?“, fragte ich.

„Jetzt“, sagte er, „fährst du nach Köln, und ich fahre nach Utrecht. Das sind dreieinhalb Stunden mit dem Zug. Ich habe nachgesehen.“

„Wann hast du das nachgesehen?“

„Am zweiten Abend“, sagte er. „Nach dem Teller mit den Orangen.“

Ich habe das Bild, an dem ich gerade arbeite, ein flämisches Stillleben aus dem siebzehnten Jahrhundert, gestern unter der Lupe betrachtet. Auf dem Tisch darin liegt eine halb geschälte Orange. Ich habe die gelbe Firnisschicht über ihr Millimeter für Millimeter abgetragen, und darunter kam das Orange hervor, so leuchtend, als wäre es gestern gemalt worden.

Bram kommt am Freitag. Mit dem Zug. Dreieinhalb Stunden. Ich habe schon Orangen gekauft.

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