Blind Date im Dunkelrestaurant

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Ich habe Elias zum ersten Mal gesehen, als ich längst wusste, wie seine Haut schmeckt.

Aber das klingt verwirrender, als es war. Es begann ganz harmlos, mit einem Zettel an meinem Kühlschrank.

„Freitag, 19:30 Uhr. Dunkelrestaurant in der Kastanienallee. Tisch auf den Namen Jule. Keine Ausreden.“

Jule ist meine beste Freundin, 38, Hebamme, und seit sie mit Tarek verheiratet ist, hält sie es für ihre Pflicht, mich unter die Haube zu bringen. Ich bin Mira, 36, und ich verdiene mein Geld mit meiner Stimme. Ich spreche Hörbücher, Werbespots, manchmal die deutsche Stimme einer amerikanischen Schauspielerin, die in jedem zweiten Film weint. Ich hatte seit zwei Jahren kein Date mehr gehabt, das länger als einen Espresso gedauert hatte.

„Er heißt Elias“, sagte Jule am Telefon. „Er ist Tareks bester Freund, seit dem Studium. Ich kenne ihn seit fünfzehn Jahren. Er ist lieb, er ist witzig und er ist absolut nicht dein Typ.“

„Warum soll ich ihn dann treffen?“

„Weil dein Typ seit zwei Jahren nicht funktioniert. Und weil ihr euch im Dunkeln trefft. Da kannst du ausnahmsweise mal nicht nach dem Aussehen urteilen.“

„Ich urteile nicht nach dem Aussehen.“

„Mira. Du hast Henning abserviert, weil er Sandalen mit Socken trug.“

„Das war ein Statement.“

„Freitag“, sagte Jule und legte auf.

Das Restaurant lag im Hinterhof eines alten Gründerzeithauses. Im hellen Vorraum schloss ich mein Handy weg, und eine Frau am Empfang erklärte mir, dass alle Kellner blind oder sehbehindert seien und dass ich jederzeit rufen könne, wenn ich hinauswolle.

„Ihre Begleitung ist schon da“, sagte sie. „Er sitzt bereits.“

Mein Kellner hieß Ruben. Ich legte die Hand auf seine Schulter, er schob einen schweren Vorhang beiseite, dann einen zweiten, und dann war da nichts mehr.

Ich hatte gedacht, ich wüsste, was Dunkelheit ist. Ich wusste es nicht. Es war nicht schwarz. Es war gar nichts. Meine Augen suchten nach einem Lichtpunkt und gaben nach ein paar Sekunden auf. Stattdessen wurden meine Ohren riesig. Gläserklirren von links. Gelächter, gedämpft, von weiter hinten. Das Kratzen eines Stuhls. Und Rubens ruhige Stimme, die mich zwischen den Tischen hindurchführte wie ein Lotse ein Schiff durch den Nebel.

„Hier ist Ihr Stuhl. Die Lehne ist unter Ihrer rechten Hand. Ihnen gegenüber sitzt Ihre Begleitung.“

Ich setzte mich. Ich legte die Hände auf den Tisch, ertastete eine Serviette, eine Gabel, ein Glas.

„Hallo“, sagte eine Stimme mir gegenüber. „Ich bin Elias. Ich bin seit zehn Minuten hier und habe bereits ein Glas Wasser umgestoßen. Nur damit du gleich weißt, worauf du dich einlässt.“

Ich muss beruflich jeden Tag Stimmen zuhören, meiner eigenen und denen der anderen, und ich kann eine Stimme lesen wie andere Leute ein Gesicht. Seine war tiefer, als ich erwartet hatte. Ein bisschen rau, als würde er morgens nicht viel reden. Ein leichter norddeutscher Klang, ein „st“ wie in „Stein“, das er nicht ganz schärfte. Und darunter, kaum hörbar, ein Lachen, das er zurückhielt.

„Hallo“, sagte ich. „Ich bin Mira. Und ich bin froh, dass es dunkel ist. Dann siehst du nicht, dass ich rot werde.“

„Du wirst rot?“

„Bei Blind Dates immer.“

„Wie viele hattest du?“

„Mit diesem eins.“

Er lachte jetzt richtig, und es war ein gutes Lachen, warm und ein bisschen heiser, und es füllte die ganze Dunkelheit vor mir.

Wir wussten nicht, was wir aßen. Das gehörte zum Konzept: Man bestellte ein Überraschungsmenü und musste raten. Die Vorspeise war etwas Kühles, Cremiges mit knusprigen Stückchen darin, und wir stritten fünf Minuten darüber, ob es Rote Bete oder Kürbis war.

„Rote Bete“, sagte er. „Ganz sicher. Riech mal. Erde.“

„Woher weißt du, wie Erde riecht?“

„Ich bin Bäcker. Ich stehe jeden Morgen um drei in der Backstube. Ich kenne jeden Geruch, den es vor Sonnenaufgang gibt.“

Ein Bäcker. Ich weiß nicht, warum mich das überraschte. Ich stellte mir seine Hände vor, im Teig, bei Kunstlicht, während der Rest der Stadt schlief. Und dann ertappte ich mich dabei, dass ich mir vorstellte, wie diese Hände sich anfühlen würden, und war froh, dass er mein Gesicht nicht sehen konnte.

Wir redeten. Es war seltsam leicht. Ohne Gesicht gibt es keine Ablenkung, kein Mustern, kein heimliches Prüfen, ob die Zähne gerade sind oder die Schuhe passen. Es gab nur seine Stimme und meine, und die Sätze, die wir uns zuwarfen. Er erzählte von seiner Bäckerei in Prenzlauer Berg und von dem siebzig Jahre alten Sauerteig, den ihm sein alter Meister vermacht hatte. Ich erzählte von der Schauspielerin, die ich synchronisiere, und dass ich in den letzten acht Jahren für sie öfter geweint habe als für mich selbst.

„Mach mal“, sagte er.

„Was?“

„Wein mal. Wie sie.“

Ich hätte es nicht getan, wenn Licht gewesen wäre. Aber es war dunkel, und ich schloss die Augen, obwohl das keinen Unterschied machte, und sprach einen Satz aus dem letzten Film, mit diesem Zittern in der Stimme, das ich so oft geübt hatte. Als ich fertig war, war es eine Weile still am Tisch.

„Wow“, sagte er leise. „Und jetzt sag was als du selbst.“

„Was denn?“

„Egal. Irgendwas.“

Ich dachte nach. Dann sagte ich: „Ich würde gern wissen, wie dein Gesicht aussieht.“

Ich hörte, wie er Luft holte. „Du kannst es herausfinden“, sagte er. „Wenn du willst. Gib mir deine Hand.“

Ich streckte die Hand über den Tisch. Nach einem Moment des Suchens fand er sie. Seine Hand war groß und warm und überraschend rau, mit einer harten Stelle am Ballen und kurzen Fingernägeln. Er hielt meine Hand nicht fest. Er legte sie nur in seine, als würde er mir etwas anbieten.

„Darf ich?“, fragte ich.

„Ja.“

Er führte meine Hand zu seinem Gesicht. Ich berührte zuerst seine Wange. Ein Bart, kurz, weich, nicht kratzig. Ich strich hinauf zu den Wangenknochen, die hoch waren und deutlich. Die Schläfen, an denen das Haar kürzer war. Die Stirn, auf der sich eine Falte bildete, als er die Augenbrauen hob. Die Nase, die in der Mitte einen Knick hatte, als wäre sie einmal gebrochen gewesen.

„Fahrradunfall“, sagte er. „Mit neunzehn. Ich habe eine Bäckereiauslieferung zu schnell um eine Kurve gefahren.“

Ich tastete weiter, über seine geschlossenen Augenlider, die unter meinen Fingerkuppen zuckten, und dann zu seinem Mund. Seine Lippen waren voll und weich, und als ich mit dem Zeigefinger über die Unterlippe strich, öffneten sie sich ein wenig, und ich spürte seinen Atem, warm und schneller als vorher.

Ich ließ meinen Finger dort liegen. Ich weiß nicht, wie lange. Für mich gab es nur diesen Mund unter meinem Finger.

Dann küsste er meine Fingerspitze. Ganz leicht. Und ich spürte das bis in die Kniekehlen.

„Hauptgang“, sagte Ruben irgendwo neben uns, und wir zuckten beide zusammen wie zwei Ertappte und lachten so laut, dass es am Nachbartisch still wurde.

Den Rest des Abends hielten wir uns an den Händen, wann immer wir nicht gerade mit Gabel und Messer im Dunkeln nach Essen suchten. Der Hauptgang war Lamm, glaubten wir, oder Ente, wir einigten uns nie. Das Dessert war Schokolade mit etwas Scharfem darin, Chili vielleicht. Er fütterte mich mit einem Löffel, und ich fand seinen Löffel mit den Lippen nur beim dritten Versuch, und beim zweiten landete Schokolade auf meinem Kinn, und er wischte sie mit dem Daumen weg, und den Daumen leckte er danach ab. Ich hörte es. Ich hörte alles.

Kurz vor elf sagte Ruben, dass das Restaurant bald schließe.

Und plötzlich hatte ich Angst. Nicht vor Elias. Sondern vor dem Licht. Davor, durch den Vorhang zu treten und ein Gesicht zu sehen und dann alles, was ich in den letzten drei Stunden gefühlt hatte, mit diesem Gesicht abzugleichen. Davor, dass ich es kaputtmachen würde, mit dem Teil von mir, der Sandalen mit Socken nicht verzeihen konnte.

„Elias“, sagte ich. „Ich möchte etwas vorschlagen, und du darfst Nein sagen.“

„Okay.“

„Ich will dich noch nicht sehen. Nicht im Neonlicht im Vorraum, zwischen den Schließfächern. Geh du zuerst raus. Hol deine Sachen und warte draußen auf der Straße, mit dem Rücken zur Tür. Ich schreibe dir meine Adresse. Und in einer Stunde kommst du zu mir. Ich mache kein Licht an. Gar keins.“

Er schwieg so lange, dass ich dachte, ich hätte es kaputtgemacht.

„Bist du sicher?“, fragte er dann. „Mira, ich will das. Sehr. Aber ich will nicht, dass du morgen aufwachst und denkst, du warst zu schnell.“

„Ich bin sicher. Und wenn ich es nicht mehr bin, sage ich es. Und dann machen wir das Licht an und trinken einen Tee, und du gehst nach Hause.“

„Und wenn ich es nicht mehr bin?“

„Dann sagst du es auch.“

„Gut“, sagte er. Ich hörte das Lächeln in seiner Stimme. „Ich komme. Im Dunkeln.“

Ich schrieb Jule aus dem Taxi. „Er kommt zu mir. Wir haben uns noch nicht gesehen. Frag nicht.“ Sie antwortete mit sieben Ausrufezeichen und einem Herz, und dann noch: „Er ist ein guter Mann. Und er hat keine Sandalen.“

Zu Hause zog ich die Vorhänge zu, alle, auch die im Bad. Ich duschte im Dunkeln und zog nur einen Morgenmantel aus Seide an. Mein Herz schlug wie bei meiner ersten Aufnahme im Tonstudio, als ich vor Aufregung fast nicht sprechen konnte.

Um 0:14 Uhr klingelte es.

Ich öffnete die Tür. Der Hausflur hinter ihm war ebenfalls dunkel, ich hatte das Licht im Treppenhaus nicht eingeschaltet, und er war die Treppe im Finsteren hinaufgestiegen, wie ich ihm geschrieben hatte. Ich sah nichts. Eine Silhouette, kaum dunkler als das Dunkel. Aber ich roch ihn. Kälte von draußen, Wolle, und darunter etwas, das ich im Restaurant zwischen den Gerüchen von Essen nicht wahrgenommen hatte: Mehl, Hefe, ein Hauch von warmem Brot, als hätte es sich ihm so tief in die Haut gegraben, dass keine Dusche es mehr fortbekam.

„Hallo“, sagte er.

„Komm rein.“

Die Tür fiel hinter ihm zu. Wir standen im Flur, eine Armlänge voneinander entfernt. Ich hörte ihn atmen.

„Ich will dich küssen“, sagte ich. „Und dann will ich dich ausziehen. Und ich will, dass du mich anfasst. Überall. Willst du das?“

„Ja“, sagte er. „Ich will das seit der Roten Bete.“

Ich lachte und streckte die Hand aus und fand seine Brust, den Stoff einer Jacke, darunter einen Pullover, darunter das Klopfen seines Herzens. Ich fand seinen Hals und seinen Bart und dann seinen Mund, den ich schon kannte. Diesmal küsste ich ihn.

Es war anders als jeder Kuss, den ich vorher geküsst hatte. Ohne Augen ist ein Kuss alles. Es gibt nichts anderes, nichts, was ablenkt, keine Wimpern, die man im Augenwinkel sieht, kein Licht, das auf ein Gesicht fällt. Nur Lippen, Atem, die Wärme seiner Zunge, die mich vorsichtig fand und dann weniger vorsichtig. Er schmeckte nach Schokolade und nach Chili, und ich musste lachen, und er auch, in meinen Mund hinein.

Ich zog ihm die Jacke aus, den Pullover, das T-Shirt. Ich tat es langsam, weil ich alles ertasten wollte. Seine Schultern, breit und schwer, mit Muskeln, die vom Kneten kamen und nicht aus einem Fitnessstudio. Die Haare auf seiner Brust, weich und lockig. Ein Bauch, der nicht flach war, sondern warm und fest, und als ich die Hände darauf legte, zog er scharf die Luft ein.

„Kalte Hände“, sagte er.

„Entschuldige.“

„Nicht entschuldigen. Weitermachen.“

Seine Hände fanden den Gürtel meines Morgenmantels. Er zögerte.

„Ja“, sagte ich, bevor er fragen konnte.

Die Seide glitt mir von den Schultern und fiel zu Boden. Ich stand nackt vor ihm, in vollkommener Dunkelheit, und ich hatte mich noch nie in meinem Leben so wenig nackt gefühlt. Er konnte mich nicht sehen. Er konnte nicht vergleichen, nicht mustern, nicht urteilen. Er konnte mich nur fühlen.

Und das tat er.

Er legte die Hände an meine Taille und ließ sie dort, als müsse er sich erst an die Form gewöhnen. Dann wanderte er. Über meine Hüften, über meinen Rücken, die Wirbelsäule entlang, Wirbel für Wirbel, bis zu meinem Nacken. Über meine Schultern, meine Arme hinunter bis zu den Fingerspitzen. Über meine Rippen nach oben, bis er die Unterseite meiner Brüste berührte, und dort blieb er, einen Atemzug lang.

„Du bist so weich“, sagte er heiser.

Dann umfasste er meine Brüste. Seine Hände waren rau, und das Rau seiner Handballen auf meiner Haut war das Erregendste, was ich je gespürt hatte. Er strich mit den Daumen über meine Brustwarzen, und sie wurden sofort hart, und ich hörte mich selbst einen Laut machen, der in keinem Hörbuch vorkommen würde.

Ich zog ihn ins Schlafzimmer. Ich kannte jeden Schritt. Er stieß sich an der Kommode, fluchte leise, und ich lachte und zog ihn weiter, bis meine Kniekehlen die Bettkante berührten. Ich öffnete seine Jeans. Ich schob sie mitsamt seinen Shorts hinunter, und als ich ihn in die Hand nahm, war er hart und heiß und schwer, und er stöhnte so tief, dass ich es in meiner eigenen Brust spürte.

Wir fielen aufs Bett.

Was dann kam, ist schwer zu beschreiben, weil ich nichts davon gesehen habe. Ich habe es gehört, gerochen, geschmeckt, gefühlt. Ich habe gehört, wie er meinen Namen sagte, als er meinen Hals küsste, und wie sich sein Atem veränderte, als er tiefer glitt. Ich habe gefühlt, wie sein Bart über die Innenseite meiner Schenkel strich, kitzelnd und weich, und dann seine Zunge, warm und breit, die mich langsam öffnete.

Er leckte mich, als hätte er alle Zeit der Welt. Ich griff in sein Haar, das dicker war, als ich gedacht hatte, und kürzer, und hielt mich daran fest. Er fand meinen Kitzler und umkreiste ihn, ließ ihn los, fand ihn wieder, und ich konnte ihm nicht ausweichen und wollte es auch nicht. Ohne Licht gab es kein Oben und kein Unten mehr, nur diese eine Stelle, an der sein Mund war, und alles in mir floss dorthin. Als ich kam, war es, als würde die Dunkelheit selbst hell werden, für einen Moment, hinter meinen Augenlidern.

Er kam zu mir hoch und küsste mich, und ich schmeckte mich auf seinen Lippen.

„Kondome sind in der Schublade“, flüsterte ich. „Links.“

„Wo ist links?“

„Bei mir.“

Ich tastete danach, riss das Päckchen auf, und rollte es ihm über, langsam, mit beiden Händen, und er hielt dabei so still, dass ich sein Herz an meinem Handgelenk schlagen fühlte. Dann zog ich ihn über mich.

„Mira“, sagte er. „Bist du sicher? Noch kannst du das Licht anmachen.“

„Ich will kein Licht“, sagte ich. „Ich will dich.“

Er drang in mich ein. Langsam, Stück für Stück, und ich schlang die Beine um ihn und zog ihn tiefer. Er füllte mich ganz aus, und ich hielt den Atem an, und er hielt still, bis ich wieder atmete. Dann begann er, sich zu bewegen.

Ich hatte nie gewusst, wie viel man hört, wenn man nichts sieht. Das leise Knarren des Bettes. Das Rascheln der Laken. Den Rhythmus seines Atems, der schneller wurde, und meinen, der sich ihm anpasste. Das feuchte Geräusch, wenn er tief in mich glitt, das mich jedes Mal noch nasser machte. Seine Stimme an meinem Ohr, die nichts Bestimmtes sagte, nur meinen Namen, wieder und wieder, und „ja“ und „so“ und „du“.

Ich drehte uns um. Ich wollte oben sein. Ich setzte mich auf ihn, die Hände auf seiner Brust, und ritt ihn, langsam erst, dann schneller, und er hielt meine Hüften mit seinen rauen Händen und hob sich mir entgegen. Ich beugte mich hinunter und küsste ihn, und seine Hand glitt zwischen uns und fand meinen Kitzler, und ich spürte den zweiten Orgasmus kommen wie ein Gewitter, das man hört, lange bevor man es sieht.

„Ich bin gleich so weit“, keuchte er. „Mira …“

„Ich auch. Hör nicht auf.“

Wir kamen fast zusammen. Ich zuerst, mit einem langen, zitternden Laut, und er kurz danach, mit einem Stöhnen, das tief aus ihm kam, die Arme so fest um mich geschlungen, dass ich kaum Luft bekam. Wir blieben so liegen, verschwitzt und verknotet, und lange sagte keiner von uns etwas.

„Weißt du, was komisch ist?“, sagte er irgendwann. „Ich weiß nicht, welche Haarfarbe du hast.“

„Und ich weiß nicht, welche Augenfarbe du hast.“

„Willst du es wissen?“

Ich dachte nach. „Noch nicht.“

Wir schliefen ein, eng aneinander. Irgendwann in der Nacht spürte ich, wie er aufstand. Ich hörte ihn im Dunkeln nach seinen Sachen tasten.

„Gehst du?“, fragte ich, halb im Traum.

„Es ist halb drei“, flüsterte er. „Die Brötchen backen sich nicht von selbst. Schlaf weiter. Ich komme wieder.“

Er küsste meine Stirn, und dann war er weg.

Als ich aufwachte, war es fast zehn. Graues Licht drang an den Rändern der Vorhänge herein. Ich lag lange da und überlegte, ob ich das alles geträumt hatte. Dann klingelte es an der Tür.

Ich zog den Morgenmantel an und öffnete.

Vor mir stand ein Mann mit einer Papiertüte, aus der es nach warmem Brot duftete. Er war größer, als ich gedacht hatte, und älter, Anfang vierzig, mit grauen Sprenkeln im dunklen Bart und Mehl auf dem Ärmel seiner Jacke. Seine Nase hatte einen Knick in der Mitte. Seine Augen waren braun, sehr dunkel, mit Lachfalten in den Winkeln. Er war nicht mein Typ. Er war nicht annähernd mein Typ.

Er war das Schönste, was ich je gesehen hatte.

„Hallo“, sagte er, und ich kannte diese Stimme, und mein Herz machte einen Sprung. „Ich bin Elias. Ich habe Croissants mitgebracht. Und ich habe das Gefühl, ich muss mich vorstellen.“

„Musst du nicht“, sagte ich und zog ihn am Kragen herein. „Ich kenne dich schon.“

Er sah mich an, lange, im hellen Licht des Flurs. Meine Haare, ungekämmt. Mein Gesicht ohne Schminke. Mich.

„Rot“, sagte er leise. „Deine Haare sind rot. Das hätte ich nie gedacht.“

„Enttäuscht?“

Er lachte, dieses Lachen, das ich im Dunkeln zuerst kennengelernt hatte. „Mira. Ich habe gestern Nacht beschlossen, dass du schön bist. Da war das Licht schon aus.“

Jule hat mir eine Woche lang Nachrichten mit Ausrufezeichen geschickt. Ich habe sie alle ignoriert. Ich hatte zu tun. Ich lernte gerade ein Gesicht kennen, das ich schon auswendig wusste.

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